Künstliche Intelligenz im Firmenalltag: So geht’s

Jobkiller? Umsatztreiber? Die Meinungen über die Folgen der Künstlichen Intelligenz gehen auseinander. Der Nutzen könnte aber weit größer sein als die Kosten. Das zeigen fünf Beispiele aus der Unternehmenswelt. Ein How-to-do.

Ob das Alpecin-Grey-Attack-Shampoo das Männer-Haar wirklich entgraut? Der Hersteller Dr. Wolff verspricht das – „nach drei Wochen bei täglicher Anwendung“. Die Wirkung soll hier aber kein Thema sein. Wichtig ist: „Männer, die mit Alpecin-Grey-Attack-Shampoo ihre Haare behandeln, äußerten, dass sie gern noch etwas Passendes für Schläfen und Bart hätten.“

Das sagt Zhuo Li, KI-Verantwortlicher bei der Dr. Wolff Group in Bielefeld. Und er sagt es mit Stolz. Dank Innovationsgeist und Anpassungsfähigkeit konnte man dem Kunden geben, was er wollte. Erst eine firmeneigene KI, die weltweit Kundenforen auswertet, hat den Wunsch herausgefiltert. „Wir haben daraufhin ein Produkt entwickelt, das gezielt Schläfen und Barthaare entgraut.“

Die Dr. Wolff Group versteht KI als Chance, den Umsatz zu erhöhen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Unternehmen hat sich dafür Hilfe von einer KI-Agentur aus der Region geholt.

Das Ergebnis: eine Künstliche Intelligenz (KI) namens „Product Lens“, die Nutzerkommentare in verschiedenen Sprachen quasi in Echtzeit analysiert und Produktideen vorschlägt. Made in Germany – und: Win-Win.

KI kann ein Segen sein. Das zu betonen, ist wichtig in Zeiten, die von Hiobsbotschaften geprägt sind: Jobabbau, KI-Angst, Disruption. Es gibt genügend Konzerne und Mittelständler, die sich dem technologischen Wandel stellen und KI in ihre Firmenkultur implementieren.

Was dabei zählt: Spaß an der Transformation, klare Ziele – und eine Selbstverständlichkeit, KI einzusetzen. Fünf Beispiele aus der Unternehmenswelt zeigen, wie es gelingen kann.

Einfach wird die Transformation nicht. Denn zur Wahrheit gehört auch: Der Weg ist kurvig, es gibt nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer.

So streicht Meta jede zehnte Stelle wegen KI und damit rund 8.000 Jobs. DeepL, Cloudflare und die Commerzbank wollen Mitarbeiter durch KI ersetzen. Amazon baut weltweit 30.000 Büro-Stellen ab. Beim Computerhersteller HP fallen 6.000 Stellen weg. Und Ford-Chef Jim Farley warnte, KI könne langfristig „die Hälfte aller Bürojobs“ ersetzen.

Gleichzeitig wird an anderer Stelle aufgebaut. Amazon-Chef Andy Jassy sagte kürzlich: Durch den Einsatz von KI und KI-Agenten verändere sich „die Art und Weise, wie wir arbeiten“. So Jassy:

Wir werden weniger Menschen für einige der Aufgaben benötigen, die heute erledigt werden, und mehr Menschen für andere Arten von Tätigkeiten.

Die politische Marschroute ist klar: Forschungsministerin Dorothee Bär spricht davon, bis 2030 zehn Prozent der Wirtschaftsleistung KI-basiert erwirtschaften zu wollen.

Laut McKinsey-Report bestätigen 92 Prozent der Unternehmen, dass sie in den kommenden drei Jahren mehr Geld in KI investieren wollten. Aber: Nur „ein Prozent“ hält eigene Projekte bislang für „ausgereift“.

Der Wettbewerb entscheidet sich also jetzt: zwischen Unternehmen, die KI wirksam einsetzen – und denen, die über Pilotprojekte nicht hinauskommen. Die folgenden Best Practices zeigen, wie es gehen kann.

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Der Vertrieb: Kunden aufstöbern

Einfach mal machen. Das war die Philosophie von Moritz von Soden, Geschäftsführer der Bornemann Gewindetechnik GmbH in Delligsen in Niedersachsen. Bornemann baut Gewinde für Ölplattformen, Fabriken und Flugzeuge. Old Economy at its best.

Gerade deshalb wollte von Soden früh auf den KI-Zug aufspringen. Er wollte zeigen, dass der Mittelstand bei der Digitalisierung mithalten und – noch wichtiger – Wettbewerbsvorteile erarbeiten kann. Also erfand er „Anna“, seine digitale Assistentin.

Dazu muss man wissen: Bornemann stellt ruckelfreie Gewinde her, die den „Stick-Slip-Effekt“ überwinden, indem Spindel und Mutter nicht aneinanderreiben. Eine Industrie, die solche Hightech-Gewinde abnimmt: zum Beispiel die Weltraumfahrt. Deutsches Know-how, Nische, Weltmarktführer.

Bislang gingen zwei Vertriebsmitarbeiter auf Kaltakquise, riefen überall in der Welt an, um die ruckelfreien Bornemann-Gewinde zu verkaufen. Nun unterstützt sie Anna, eine Art digitale Stalkerin.

Besucher der Bornemann-Webseite hinterlassen in der Regel eine IP-Adresse, die etwa zurückzuführen ist auf den Hersteller einer Ölplattform. Bornemann nutzt diese digitale Spur, „datenschutzkonform“, sagt von Soden.

Die KI-Agentin Anna sucht dann nach Einkäufern, die für das Unternehmen arbeiten, im Adressbuch des Gewindetechnikers und in öffentlichen Datenbanken. Findet sie eine E-Mail-Adresse, schickt sie eine Mail. Kommt keine Antwort, ruft sie beim Kunden an.

Anna klingt wie eine „junge Frau Mitte dreißig“, sagt von Soden, mit einem „warmen, einnehmenden Ton“. Sie soll beraten, aber nichts verkaufen – und früh offenlegen, dass sie kein Mensch ist. Anna spricht Dutzende Sprachen und kennt alle DIN-Normen für Gewinde.

Und das funktioniert? Von Soden sagt: In Deutschland halte sich sein Unternehmen noch etwas zurück, weil Deutsche kulturell einem KI-Anruf skeptisch gegenüberstehen.

Das Ausland sei offener dafür. „Es funktioniert. Das ist eine total irre Technik.“ Und: „Die digitale Assistenz wird immer besser.“

Für Tina Klüwer, Executive Director der Start-up-Plattform AI Nation, beginnt jede erfolgreiche KI-Strategie mit einer Grundsatzentscheidung: Soll KI interne Prozesse effizienter machen oder die Produktwelt verbessern? Viele Unternehmen überspringen diese Analyse. Statt konkreter Anwendungsfälle werden wahllos Tools eingeführt.

Dabei hängt der Erfolg stark davon ab, welche Prozesse automatisiert werden sollen: Wie häufig treten sie auf? Wie standardisiert sind sie? Wo entsteht tatsächlich ein wirtschaftlicher Nutzen? Klüwer sagt:

Erst das Ziel, dann die Prozesse.

Das entsprechende Know-how finden Unternehmen und Mittelständler oft bei jungen Firmen aus Deutschland. Ein Unternehmen, das von Investoren gerade gehypt wird, ist Parloa.

Das Berliner Unternehmen baut KI-Agenten für Callcenter und Kundenserviceteams von Unternehmen. Zu den Kunden gehören Konzerne wie Tui, Barmenia Gothaer und Decathlon. Inzwischen ist das KI-Start-up mit mehr als drei Milliarden Euro bewertet.

Fazit: Einfach mal machen, aber mit Analyse vorab. Selbst KI-generierte Chatbots, die dem deutschen Konsumenten ungewöhnlich vorkommen, können Probleme lösen und Umsatz generieren.

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Künstliche Intelligenz ist gekommen, um zu bleiben. So simpel, so banal.

Was das bedeutet: „Unternehmen, die KI nur als Werkzeug betrachten, werden von jenen verdrängt, die sie als neuen Mitarbeiter begreifen.“ ChatGPT.


Autoren:
Christian Schlesiger (Ressortleiter Wirtschaft)
Claudia Scholz (Stv. Ressortleiterin Wirtschaft)
Miriam Augscheller (Junior-Redakteurin Politik & Gesellschaft)

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